Berliner Konzert Chor

Versuch und Vertrauen

Kurt Weill: "Der Lindberghflug"
(revidierter Text "Der Ozeanflug" von Bertolt Brecht)
Werner Egk: "Furchtlosigkeit und Wohlwollen"

1. Abonnementkonzert 2015/16
Sonntag, 01. November 2015 um 20:00 Uhr | Philharmonie
Konzerteinführung mit Dr. Gerd Belkius um 19:00 Uhr im Südfoyer

Leitung

Jan Olberg

Mitwirkende

Berliner Konzert Chor
Berliner Konzert Orchester
Dirk Kleinke (Tenor)
Thomas Schreier (Bariton)
Bernhard Handschuck (Bass)
Gina Pietsch (Sprecherin)

Der Berliner Konzert Chor folgt schon immer dem Bemühen, sich in seinen Konzerten auch für selten aufgeführte und dennoch lohnenswerte Werke einzusetzen. Schon seit längerem sollte die Aufmerksamkeit auf die spannende Phase der Chorgeschichte um 1930 gerichtet werden. Und zwar galt es, Werke aufzunehmen, die, in Abwendung von der späten Hochromantik, im Zusammenhang mit den Losungen einer Neuen Sachlichkeit und Neuen Einfachheit, aber auch unabhängig von der künftig stilbildenden Zweiten Wiener Schule und deren Nachfolger, als Reflex auch auf das neue Medium Rundfunk mit seinen neuartigen Möglichkeiten, Hörer auf neue Weise zu erreichen suchten. Brechts Strategie vom „Lehrstück“ besetzt in diesem Bemühen eine besondere Position.

Dazu gehörte das Hörspiel „Der Ozeanflug“ („Der Lindberghflug“) von Bertolt Brecht (1898-1956) und Kurt Weill (1900-1950), welches im Sommer 1929 unter Radiobedingungen erstaufgeführt wurde (dabei auch Musikbestandteile von Paul Hindemith). Brecht ließ dieses Stück 1930 - mit Veränderungen - als erstes in der Reihe seiner Lehrstücke unter dem Titel „Versuche“ drucken. Im Dezember 1929 brachte Weill eine Gesamtvertonung des ursprünglichen Textes zur Uraufführung. Brecht/Weill waren vom erfolgreichen Versuch des Amerikaners Charles Lindbergh, 1927 erstmals in einem einsitzigen Flugzeug von New York aus den Atlantik zu überqueren, zu dem Radiostück anregt worden. Sie berichten darin von dieser grandiosen, herausragenden Leistung, von den großen Strapazen des dreiunddreißigstündigen Fluges, von den widrigen Wetterumständen, aber auch vom großen Vertrauen des Fliegers in sein eigenes Können und in die technischen Qualitäten des Flugkörpers, schließlich auch vom Jubel bei der Ankunft in Paris.

Das Oratorium „Furchtlosigkeit und Wohlwollen“ (Uraufführung 1931 bei der Festwoche Neuer Musik in München) schrieb Werner Egk (1901-1983) nach einer alten indischen Fabel. Der Bauer Gamani begegnet dreimaligen Versuchen, ihn mit falschen Anschuldigungen vor Gericht zum Tode verurteilen zu lassen, mit Furchtlosigkeit und bedenkt dabei seine Widersacher sogar mit Wohlwollen. Die Elefanten, die ihn zu Tode trampeln sollen, kehren sich wieder ab. Gamanis Vertrauen in die Wahrheit bleibt siegreich. Werner Egk war 1928 in Berlin linken Künstlern, wie Brecht, Weill und anderen, begegnet und angetan von deren Versuchen um neue Dramaturgien. Auch er experimentierte in diesen Jahren mit Musik für das Radio. Sein Oratorium verrät in Text und Musik deutliche Nähe zur Theorie der Lehrstücke.

Beide Werke des Konzertabends künden von einer künstlerisch fruchtbringenden Begegnung. Brecht und Weill standen sich zu dieser Zeit sehr nahe. Mit ihrer „Dreigroschenoper“ hatten sie 1928 Weltruhm erlangt. Egk hatte sie im selben Jahr kennen gelernt und für sich künstlerische Impulse aus der Begegnung gezogen. Diese Nähe blieb nicht von Bestand. Brecht beschäftigte sich ab 1930 intensiv mit dem Marxismus. Solcherart linke Positionen wollte Weill nicht mittragen. Beider Lebenswege trennten sich in der Folge. Auf einschneidende Weise drängte sich auch die Politik in die Kunst. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag. Tags darauf musste Brecht mit seiner Familie ins Exil gehen. Weill vollzog am 21. März mit seiner Frau ebenfalls diesen Schritt. Beide Künstler hatten für ihr Leben zu fürchten. Egk blieb in Deutschland. Um als Komponist überleben zu können, richtete er sich im Lande ein, leider auf deutliche Weise. Er übernahm Anschauungen des neuen Regimes, stellte sich auch für Funktionen im Musikleben zur Verfügung und genoss seinen Aufstieg als gefeierter Künstler. Nach dem Krieg hatte er einen schwierigen Prozess der Entnazifizierung zu überstehen. Das gelang ihm schließlich. In der BRD stieg er zu einer führenden Stellung im Musikleben auf. Auch in der DDR fand er ein Entgegenkommen. Erst als die 68er Bewegung nach der Verstrickung der älteren Generation im Nationalsozialismus fragte, geriet Egks Leben in die Diskussion.

Nach dem Krieg wurde Brecht seines Exillandes USA verwiesen. Allein die DDR bot ihm Aufenthalt. Ende 1949 erreichte ihn in Berlin die Bitte des Süddeutschen Rundfunks um Zustimmung zu einer Aufführung des „Lindberghfluges“. Dafür stellte er Bedingungen. In den USA hatte er erlebt, dass sich der Flieger Charles Lindbergh zu einem Parteigänger des Nazismus entwickelt hatte. Davon distanzierte sich Brecht deutlich. Er verlangte, den Namen Lindberghs aus dem Stück zu tilgen. Der Titel sollte nun heißen: „Der Ozeanflug“. Auch dichtete er einen Prolog, mit dem er seine Abkehr von der historischen Figur Lindberghs kennzeichnete. Dieser Prolog sei einer Aufführung voran zu stellen. Das geschieht seitdem.

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